Constructive News – eine dänische Theorie revolutioniert die Nachrichtenwelt

«Constructive News» lautet der Buchtitel eines Werkes von Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef DR. Darin setzt er sich mit dem heute praktizierten und angewandten Journalismus auseinander. Haagerup beschreibt in seinem Buch den Zerfall des Journalismus/der Nachrichten und wie diese in Folge der Fokussierung auf das Negative verkommen.

Folglich fordert er wieder vermehrt konstruktive Meldungen und lösungsorientierte Berichte in den Medien. Diese Art der Berichterstattung nennt er constructive news.

Der vorliegende Artikel widmet sich dieser Theorie der constructive news und zeigt auf, wie die Theorie in der praktischen Medienwelt umgesetzt wird. 

(An dieser Stelle darf ein wichtiger Hinweis nicht fehlen: Das Buch «Constructive News» ist jeweils zwischen An- und Abführungen gesetzt. Ist wiederum von constructive news die Rede, von konstruktiven und lösungsorientierten Nachrichten, wird entweder die deutsche Schreibweise verwendet oder die Englische mitsamt ihrer Grammatik.)

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Constructive News, 2012/2015

Was besagt die Theorie der constructive news?

Der Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks «DR», Ulrik Haagerup, befasst sich seit Jahre mit einer Theorie für lösungsorientiertere Nachrichten. Er verfolgt den Ansatz, ein gewisser Anteil der Tagesmedien sollen positive Meldungen enthalten, welche kritisch und konstruktiv zugleich sind. Constructive news sind demnach Berichte zu jedem erdenklichen Thema, jedoch mit einem lösungsorientierten Ansatz und einem konstruktiven Ausblick.

Eine weitere Idee von Ulrik Haagerup besagt, dass zwar nach wie vor über Gewaltverbrechen, Kriege und ähnliche berichtet werden soll, jedoch mit dem feinen Unterschied, dass jeweils zum Schluss der Berichterstattung ein positiver, lösungsorientierter Ausblick stehen soll. Haagerup schreibt im Buch treffend: „Constructive News geht es um das Morgen: um Geschichten, die eine öffentliche Debatte über eine bessere Zukunft anregen und für sie werben.“(Haagerup 2012/2015: Seite 14)

Zusammenfassend umschreibt es Stefan Niggmeier in einem Artikel der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 24. August 2015 wie folgt: „Sie [die Theorie der constructive news] sagt, dass der Negativismus der Medien nicht nur schlecht ist für die Menschen und für die Gesellschaft, die sich zu sehr mit Problemen beschäftigt und zu wenig mit Lösungen, sondern auch für die Medien selbst. Die Menschen würden sich von den Nachrichten abwenden, weil die endlose Abfolge von Schreckens-, Katastrophen- und Horrormeldungen sie deprimiere. Und sie täten das zu Recht.“(FAZ.net 24.08.2015)


Woher stammt das Konzept?

„Lange galt im Journalismus die Doktrin, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind.“(Tagesanzeiger.ch 06.09.2015), schreibt Res Strehle, Chefredaktor der Schweizer Tageszeitung «Tages-Anzeiger», einleitend in einem Artikel, mit dem er die neue Rubrik «Die Lösung» in seiner Zeitung ankündigt. Diese Worte hat er beinahe genau so von Ulrik Haagerup übernommen. Das Konzept hinter lösungsorientierten Nachrichtenberichten möchte diese Aussage widerlegen und umkehren, um den Leserinnen und Lesern eine breitere Vielfalt in der Medienlandschaft zu bieten. Haagerup veröffentlichte 2012 sein Buch «Constructive News» (Verlag Oberauer), in welchem er seine Medientheorie ausführlich beschreibt. Mittlerweile gibt es unzählige Beispiele für konstruktiven Journalismus in der Praxis. Erstaunlich ist, dass dieses Konzept bereits lange vor 2012 bewusst und auch unbewusst angewendet wurde. 

Wer steckt dahinter?

Hinter der Theorie um mehr konstruktiven Journalismus steckt der bereits mehrmals genannte Ulrik Haagerup. Er ist 1963 in Dänemark geboren und studierte unter anderem an der Stanford University Journalismus und bildete sich in Lausanne und Philadelphia weiter. 1990 gewann Haagerup den wichtigsten Medienpreis Dänemarks, den Cavling-Preis. Derzeit hält er weltweit Vorträge zum Thema Management und ist Nachrichtenchef des dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, DR. Ulrik Haagerup setzt sich leidenschaftlich für den investigativen Journalismus ein und ist Autor des 2012 erschienen Buches «Constructive News».

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Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef «DR»

Ein exemplarisches Beispiel für constructive news

Im Buch «Constructive News» zählt Ulrik Haagerup immer wieder Beispiele für erfolgreich niedergeschriebene und publizierte constructive news auf. Eines dieser Beispiele besticht dabei besonders, denn es hat bereits zu nachhaltigen Veränderungen über Europäische Landesgrenzen hinaus geführt. Dieses Beispiel soll hier exemplarisch zur besseren Verständlichkeit der Theorie genannt werden.

Ein Vorbild für die dänische Schweinezucht

Eines der wichtigsten Exportprodukte Dänemarks sind Schweine. Diese werden oft in Grossbetrieben zu hunderten gehalten, wo sich Keime, Bakterien und Viren unter den Nutztieren rasend schnell verbreiten können.

Jahrelang wurde der starke Gebrauch von Antibiotika in der Schweinezucht in den dänischen Medien kritisch und überwiegend negativ beleuchtet. Dies führte zur Verunsicherung der Bevölkerung gegenüber dem Verzehr von Schweinefleisch und handelte den Journalisten keine Sympathiepunkte bei den Bauern ein.

Im April 2013 wurde eine Geschichte im dänisch Fernsehen ausgestrahlt, die ein Umdenken zur Folge hatte. Ein Schweinebauer aus der Niederlande hatte seinen Betrieb so umgestellt, dass er auf beinahe 95 Prozent der üblichen Antibiotika- Dosis verzichten konnte. Seine Tiere pflegt er, seitdem er seine kleine Tochter beinahe an eine Infektion multiresistenter Bakterien verloren hätte, mit Probiotika. Probiotika sind Bakterien, die meist zu medizinischen Zwecken verabreicht werden und einen gesundheitlichen Nutzen haben. (siehe: Haagerup 2012/2015: Seiten 83 bis 86)

Gibt es Beispiele für constructive news im deutschsprachigen Raum?

Im deutschsprachigen Raum wird die Theorie constructive news interessiert verfolgt und erste Medienhäuser haben sich entschieden, die Bewegung auch in ihr Unternehmen aufzunehmen.

In der Schweiz gibt es seit dem Spätsommer 2015 ein prominentes Beispiel für die Umsetzung der Bewegung von Ulrik Haagerup. Res Strehle, Chefredaktor der Schweizer Zeitung «Tages-Anzeiger» führte am 7. September 2015 die Rubrik «Die Lösung» ein. Jeden Montag wird nun ein Artikel in gedruckter sowie digitaler Form publiziert, der sich an der konstruktiven Theorie orientiert.

Die Lösung

Unter dem Namen «Die Lösung» lancierte die Schweizer Tageszeitung «Tages Anzeiger» eine neue Rubrik, die Haagerups Ansatz der konstruktiven Nachrichten auffasst. Seit dem 7. September 2015 erscheint jeden Montag ein lösungsorientierter Artikel, der laut «Tages Anzeiger» „[…] Lösungsansätze für ein soziales, ökonomisches, politisches oder ökologisches Problem aufzeigt.“(persoenlich.com 04.09.2015) Chefredaktor Res Strehle begründet den neuen Kurs damit, man wolle ein Umdenken in der Redaktion bewirken, da man die negativen Meldungen so oder so in den Medien vertreten hätte.

„Wichtig scheint uns dabei, dass die vorgeschlagenen Lösungen nicht allzu utopisch oder gar naiv sind. Utopien sind gut und recht, aber wenn sie hier in diese Rubrik passen sollen, müssten sie jenen Anspruch erfüllen, den der deutsche Philosoph Ernst Bloch einst an eine «Konkrete Utopie» gestellt hat. Sie muss zu Lebzeiten eine Chance auf Realisierbarkeit haben. Und auch naiv oder banal darf sie nicht sein, sonst wird sich diese Rubrik rasch ihrer Ernsthaftigkeit berauben.“(Tagesanzeiger.ch 06.09.2015)

Der Vorschlag, jeden Montag zum Wochenbeginn einen lösungsorientierten Artikel zu publizieren, wurde von Lesern eingesandt.(siehe: Tagesanzeiger.ch 06.09.2015)

Ze.tt

«Ze.tt» ist ein Projekt von «Zeit Online» und gehört somit in die «Zeit»- Verlagsgruppe. Die Seite ging am 27. Juli 2015 erstmals online und möchte eine neue Online-Plattform für junge Leser bieten, die sich Social Media-Seiten, «Buzzfeed» oder ähnliche Formate gewohnt sind. Dabei liegt der Fokus nicht bloss auf streng journalistischen Inhalten, sondern vermehrt auch auf Lösungen. Unter der Leitung von Sebastian Horn kümmert sich ein siebenköpfiges Team um die Aufbereitung der Inhalte, damit diese auch zeitgemäss auf sozialen Netzwerken geteilt werden können.

Peace Journalism

«Peace Journalism» verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie die constructive news. Die Bewegung ist jedoch bereits um einiges älter und daher wurde auch schon vermehrt darüber geschrieben und berichtet. Angelo Zehr und Luca Ghiselli haben sich in ihrem Podcast Journalismus Y dem Thema angenommen: 

Die Unterscheidung hier findet zwischen War- und Peace Journalism statt, also eher auf der Fokussierung der Berichterstattungen mit dem Thema Krieg und Konflikt. Hier bildet der Ausblick nicht die wichtige, verlangte Veränderung, sondern eher die Themen der Berichterstattung selber. Ein umdenken soll auch hier stattfinden. Argumentiert wird mit den selben Punkten: zu viel Negativität, schwindende Auflagen und Fokus auf Konflikten und Gewalt.

Das Thema Peace Journalism voll und ganz abzudecken, ist an dieser Stelle leider nicht möglich. Das weite Thema dieser Theorie würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, jedoch darf ich auf die folgende, preisgekrönte Arbeit «Peace Journalism – Is the Theory fransferred into Practice? A quantitative Content Analysis» von Marc Herter verweisen.

Worin liegt der Nutzen von constructive news?

Bereits heute, bloss wenige Wochen und Monate nach dem Start verschiedenster Medienprojekte im Zusammenhang mit constructive news steht fest, die Theorie ist vielversprechend und erste Erfolge nachweisbar.

„Schlechte Nachrichten machen die Laune mies und die Verlagshäuser arm, meint eine neue Bewegung[…]“(FAZ.net 24.08.2015), schreibt Stefan Niggmeier bereits im Lead seines Artikels in der «FAZ» vom 24. August 2015.

Ulrik Haagerup klang hingegen bereits 2012 in seinem Buch überzeugter: „Die Stärke von Constructive News besteht darin, dass sie eine bessere und qualifiziertere öffentliche Debatte anstossen.“(Haagerup 2012/2015: Seite 113)

Haagerup kann bereits auf einige Jahre Erfahrung mit constructive news zurückblicken. Er führt weiter aus: „Auch die Zuschauer nehmen den Unterschied zu vorher wahr, wie die Abteilung Medienforschung bei «DR» belegen kann: Erstmals seit zehn Jahren assoziiert ein repräsentativer Bevölkerungsquerschnitt mit den beliebtesten Fernsehnachrichten von «TV Avisen» um 21 Uhr 30 wieder Begriffe wie glaubwürdig, relevant, informativ, konstruktiv, nützlich lösungsorientiert und sozial verantwortlich. «TV Avisen» ist inzwischen wesentlich beliebter als ein konkurrierender Kanal, der von den Zuschauern als aufregend, spannend – und nicht zuletzt unterhaltend eingeordnet wurde.“(Haagerup 2012/2015: Seite 114)

Auch Res Strehle vom «Tages-Anzeiger» sieht sich bestätigt: „Wir werden folglich weiterhin täglich über Negatives berichten. Aber künftig gilt vermehrt: Auch gute Nachrichten sind Nachrichten. Sie werden, wie unsere Nutzerzahlen zeigen, oft sogar besser gelesen als die Horrormeldungen.“(Tagesanzeiger.ch 06.09.2015)

Zusammenfassend bringen constructive news also bessere Klickzahlen, mehr Glaubwürdigkeit, inspirieren Bevölkerung sowie Unternehmen und dienen einer fundierteren öffentlichen Debatte.

Das letzte Wort sei dem visionären Helmut Schmidt überlassen. Der ehemalige Herausgeber der «Zeit» schrieb im Vorwort zu «Constructive News»: „Wir brauchen ganz sicher mehr Constructive News.“(Haagerup 2012/2015: Seite 7)

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Quellen:

Haagerup, Ulrik: Constructive News, Warum „bad news“ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren. 1. deutsche Auflage. Salzburg: Verlag Oberauer, 2015

Web-Quellen: (chronologisch wie im Text zitiert)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/constructive-news-positiv-journalismus-fuer-bessere-quoten-13763396.html [Stand: 10.1.2016]

http://www.tagesanzeiger.ch/zeitungen/auch-gute-nachrichten-sind-nachrichten/story/21630195 [Stand: 10.12.2015]

https://www.newsroom.de/shop/buecher/weitere-verlagspublikationen/424/constructive-news?c=135 [Stand: 10.12.2015]

http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Probiotika [Stand: 16.12.2015]

http://www.persoenlich.com/news/medien/tamedia-tages-anzeiger-mit-loesungsorientiertem-journalismus-326632#.Vj_TGNN_Oko [Stand: 05.09.2015]

https://soundcloud.com/journalismus-y/episode-8-peace-journalism [Stand: 10.01.2016]

http://www.yumpu.com/en/document/view/24793097/beste-bachelorarbeit-journalismus-angewandte-linguistik-zhaw [Stand: 10.01.2016]

Bilder:

Cover «Constructive News»: http://constructivenews.eu/onewebstatic/c50ac82395-Constructive%20news%20cover.png

Ulrik Haagerup: www.dr.dk

Weiterführende Literatur:

Mehrere Autoren, Markus Kaiser (Herausgeber): Innovation in den Medien, Crossmedia Storytelling Change Management. 2. Ausgabe. München: Medien Netzwerk Bayern, 2015

Mehrere Autoren, Peter Kemper, Alf Mentzer, Julika Tillmanns (Herausgeber): Wir nennen es Wirklichkeit, Denkanstösse zur Netzkultur. Stuttgart:  Reclam, 2014

Weiterführende Links:

http://constructivenews.eu/

http://derstandard.at/1389857918776/Wir-zeichnen-ein-falsches-Bild-von-der-Welt

http://diepresse.com/home/kultur/medien/1550772/Constructive-News_Die-Zeitung-dein-Freund-und-Problemloser

http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/der-journalist-dein-freund-und-helfer-1.18575396

http://m.kurier.at/kultur/medien/plaedoyer-medien-sollen-konstruktiver-werden/156.049.206

http://medienwoche.ch/2015/10/05/die-ganze-zeit-das-ganze-bild/

http://positivenews.org.uk/

http://constructivejournalism.org/

http://www.peacejournalism.org/Peace_Journalism/Welcome.html

http://ze.tt/

http://journalismus-y.ch/2015/12/11/peace-journalism-mit-marc-herter/

http://constructivejournalism.org/

Podcast Journalismus-Y: https://soundcloud.com/journalismus-y/episode-8-peace-journalism 

Video Kulturplatz: http://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/der-neue-konstruktive-journalismus-will-inspirierende-news?id=01375818-1f97-4ab9-97d8-3346f4d527a3

bzw. : www.youtube.com/watch?v=2RjiriWNu5w

  • Eloy Martinez
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