GESCHICHTENERLEBEN – Wie Herman Wallace’s Geschichte transmedial erzählt wird

Es gibt Geschichten, die befinden sich nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln.Sie sind grösser, komplexer und vielschichtiger als Herkömmliche. Solchen Geschichten genügt nicht nur ein Medium, sondern sie verteilen sich auf verschiedene Medien, um eine einzigartige Form des Storytelling zu erzeugen. Die Rede ist von transmedialen Geschichten.Eine exemplarische Geschichte ist das Schicksal von Herman Wallace, der wohl berühmteste Gefangene der USA. Doch wie wird die Geschichte um Herman Wallace transmedial erzählt und was bedeutet transmedial überhaupt?

BACKGROUNDINFORMATION
41 Jahre unschuldig in Einzelhaft. So könnte man Herman Wallace Leben in wenigen Worten beschreiben. Verurteilt wegen eines Raubüberfalls, wird Herman Wallace 1971 in das grösste Gefängnis der USA, dem Louisiana State Penitentiary Gefängnis, auch bekannt als das Gefängnis Angola, in Louisiana, gesteckt. Im Gefängnis wird er ein Teil der Gruppierung Angola 3, bestehend aus Albert Woodfox, Robert King und ihm. Die Gruppierung erlangt in den 70er Jahren mediale Berühmtheit, weil sie gegen den kontinuierlichen Rassismus, systematische Korruption sowie Missbrauch von Gefängnisinsassen in der Gefängnisanstalt Angola ankämpfte. 1972 werden Herman Wallace, Albert Woodfox und Robert King trotz fehlender Beweislage, schuldig am Mord eines Gefängniswärters der Anstalt Angola gesprochen und zu isolierter Einzelhaft verurteilt. Die Grösse der Zelle betrug 6 x 9 feet, also etwa 6. m2. 2001 wird Robert King freigesprochen und darf die Einzelhaft verlassen. 2013 folgt der Freispruch von Herman Wallace, der drei Tage später an Krebs verstirbt. Albert Woodfox kämpft immer noch um Gerechtigkeit.
| King 2015 |

2003 stellte die New Yorker Künstlerin Jackie Sumell dem Inhaftierten Herman Wallace per Brief eine Frage: „What kind of house does a man who has lived in a six-foot-by-nine-foot cell for over 30 years dream of?“ Herman Wallace antwortete Jackie Sumell und neben einem intensiven Briefkontakt entstand auch eine tiefe Freundschaft. Aus den Briefen und den Telefonanten mit Wallace entwickelte Sumell in ständiger Korrespondenz mit Wallace die Ausstellung THE HOUSE THAT HERMAN BUILT mit dem Thema isolierte Einzelhaft in den USA, die 2006 in Deutschland zum ersten Mal gezeigt wurde. Im gleichen Jahr erschien das gleichnamige Buch, das eine Sammlung aus Briefen und Skizzen beinhaltete, die den Entstehungsprozess der Ausstellung, sowie die Entwicklung der Freundschaft zwischen Sumell und Wallace am besten dokumentiert und illustriert.
Die heutige Version der Ausstellung ( neuer Name #76759 FEATURING THE HOUSE THAT HERMAN BUILT ) beinhaltet neben einer begehbaren Originalabbildung seiner Zelle aus Holz, auch die Briefe, die Sumell und Wallace jahrelang ausgetauscht haben, sowie ein Miniaturmodell des Traumhauses von Wallace, das betrachtet werden kann. Jackie Sumell beschrieb das Ziel der Ausstellung in einem Fernsehinterview im April 2015 mit folgenden Worten:

The project itself has shifted its storyline slightly, because for the 12 years that I was collaborating with Herman as a living, breathing being, it was about giving him voice, despite the system’s continued prosecution to remove his voice, right? And now this project is more about his legacy, which was a legacy to abolish the prolonged use of solitary confinement and cruel and unusual punishment in our corrections system. And so, this is why we shifted the name and we call it „#76759,“ to illustrate how the Department of Corrections reduces human beings to numbers, because their number one goal is to dehumanize our families, our loved ones, and anyone who’s been convicted, wrongfully or not, of a so-called crime in the United States.| Democracy now 2015 |

 

Sechs Jahre nach der Vernissage der Ausstellung THE HOUSE THAT HERMAN BUILT erschien 2012 der Film HERMAN’S HOUSE, ein Feature Dokumentarfilm von Angad Bhalla. Der Film zeigt auf eindrückliche Weise, wie aus einem anfänglichen Briefwechsel zwischen der jungen New Yorker Künstlerin Jackie Sumell und dem Isolationsinhaftierten Herman Wallace, das kollaborative Kunstprojekt THE HOUSE THAT HERMAN BUILT entsteht als auch die ersten Schritten von Sumell, das Traumhaus von Herman  zu realisieren und zu bauen. Neben der Kunstausstellung werden im Film auch die Geschichten von Angehörigen und Bekannten von Wallace ins Zentrum gerückt, wie z.B. seine Schwester Jackie oder das Black Panther Mitglied und früher ebenfalls Isolationsinhaftierten Robert King und wie sie mit dem Schicksal des Inhaftierten Wallace Umgehen in ihrem alltäglichen Leben. | Bhalla 2012 |

Mit THE DEEPER THEY BURY ME realisierte Angad Bhalla in Zusammenarbeit mit Ted Biggs (Storyline Entertainment) und National Filmboard of Canada 2015 eine interaktive Dokumentation, in der sich der Zuschauer selbstständig und völlig frei durch die illustrierte Welt von Wallace klickt, die aus seinem imaginären Traumhaus und der Haftanstalt Angola in Louisiana besteht. Gespickt durch illustrierte Videos, sowie Audioaufnahmen von Telefonanten mit Wallace, erfährt der Zuschauer von Wallace persönlich, wie es sich anfühlt, seit über 30 Jahren unschuldig in Isolationshaft zu sitzen, sowie 24h ohne Privatsphäre und unter ständiger Überwachung leben zu müssen. Der Aufbau der Dokumentation entspricht einem üblichen 20 Minuten Telefonat, das einem Inhaftierten jeden Tag gewährt wird. Der Zuschauer hat genau dieses Zeitfenster zur Verfügung, um möglichst viel von Wallace zu erfahren. THE DEEPER THEY BURY ME beginnt mit dem Annehmen des Telefonats durch den Zuschauer.

 

VIELE WEGE – EINE GESCHICHTE

Durch die Ausstellung über das Schicksal von Herman Wallace, machte Jackie Sumell auf eine Geschichte aufmerksam, die weitaus mehr Potenzial hatte, als „nur“ eine Ausstellung zu sein. Solche Potenziale sehen auch Forscher in Bereich des Storytelling aus dem Deutschen wie auch aus dem Englischen Sprachraum im transmedialen Erzählen.
Der Deutsche Dennis Eick, freier Autor aus Köln sowie Dozent für Drehbuchschreiben an Filmschulen und den Universitäten Köln und Düsseldorf, definiert den Begriff „Transmedia“ in seinem Buch „Digitales Erzählen – die Dramaturgie der Neuen Medien“ aus dem Jahr 2014 mit folgenden Worten:

Transmediales Erzählen bedeutet, bestimmte Inhalte einer Geschichte über mehrere Kanäle zu verteilen, um schliesslich ein einzigartiges Unterhaltungserlebnis zu erzeugen. Die Art und Weise, wie die Elemente auf welchen Kanälen verteilt sind, bestimmt zum grossen Teil das Erleben des Zuschauers […] | Eick S 179 |

Henry Jenkins, Autor und leitender Professor von Kommunikation, Journalismus und Film an der Universität Southern California, sowie früherer Direktor des MIT Comparative Media Studies Programm, definierte den Begriff „Transmedia“ schon im Jahre 2007 auf seinem Blog:

Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a unified and coordinated entertainment experience. Ideally, each medium makes it own unique contribution to the unfolding of the story. | Henkins 2007 |

Bei Herman Wallace kann man von sogenannten vier Kanälen sprechen, über die Geschichte erzählt wird. Der erste Kanal ist die Ausstellung THE HOUSE THAT HERMAN BUILT, der dem Besucher z.B. mit der nachgebauten Zelle von Wallace die Möglichkeit bietet, eine Realerfahrung der  Zuständen, in denen dieser leben musste, zu machen. Der zweite Kanal ist das Buch THE HOUSE THAT HERMAN BUILT. Das Buch ist eine Ansammlung von Briefen, die Sumell und Wallace jahrelang ausgetauscht haben. Damit bietet es einen tieferen und viel intimeren Einblick in die Entstehung der Freundschaft zwischen der Künstlerin und dem Gefängnisinsassen. Dieser Austausch ist ein Prozess, der aufgrund seiner Menge an Informationen und Eindrücken nicht komplett in der Ausstellung oder im später folgenden Film abgebildetet werden konnte. Als dritten Kanal ist der Film HERMAN’S HOUSE zu bezeichnen, der zwar nochmals auf die Ausstellung eingeht, vielmehr aber den Entstehungsprozess der Ausstellung dokumentiert und die Künstlerin Jackie Sumell, sowie die Angehörigen von Wallace ins Zentrum rückt. Der vierte Kanal in Herman Wallace Geschichte ist die interaktive Dokumentation THE DEEPER THEY BURY ME. Hier muss sich der Teilnehmer[1] selber die Informationen suchen und kriegt sie nicht einfach serviert. Ein bedeutender Punkt im Erfahrungsmehrwert des Teilnehmers ist die Nähe zu Wallace. Durch die Stimme, die direkt zu dem Teilnehmer spricht, entsteht der Eindruck eines wirklichen Gesprächs und Herman erzählt dem Teilnehmer noch genauer, wie es ihm in der isolierten Einzelhaft ergeht.

Alle Elemente bieten auf ihren verschiedenen Medienkanälen eine zusätzliche Erfahrung / Informationswert, die von beiden Forschern als grundlegendes Element des transmedialen Erzählens bezeichnet wird.

Nach Jenkins macht der Nutzen von verschiedenen Medienkanälen oder Ebenen aber eine Geschichte nicht direkt transmedial. Erst durch die Kombination der Intertextualität[2] und der Mulitmodalität[3], die zum Ziel hat, ein additives Verständnis zu der transmedialen Geschichte beizufügen, macht eine Geschichte transmedial und somit kann der Begriff nicht auf eine Geschichte, die nur auf verschiedenen Kanäle verteilt wird, aber immer die gleiche Storyline hat, reduziert werden. | Jenkins 2011 |

DER NON-LINEARE KONSUMENT

Mit dem Nutzen von verschiedenen Medien werden auch für Zuschauer Möglichkeiten geschaffen, sich aktiv an der Geschichte zu beteiligen oder sich selber zusätzliche Informationen zu beschaffen. Damit ist auch der Begriff Zuschauer, der transmediale Geschichten erlebt, auch nicht mehr geeignet. In diesem Zusammenhang erwähnt Eick den Begriff „Teilnehmer“ als passenderen Begriff:

Der Leser ist immer aktiv beteiligt. Wenn eine Geschichte gut erzählt ist und er sich in die Welt hinein begibt, wird der Leser sich immer fragen, was als Nächstens passieren wird, ob der Held sein Ziel erreicht und wie er dem nächsten Hindernis ausweichen kann. Dies ist eine Form von Aktivität beim Leser – auch wenn er nicht aktiv in die Geschichte eingreifen kann. Transmediale Formate bieten eine solche aktive Beteiligung an der Geschichte meist an. | Eick S 183-184 |

Eine aktive Beteiligung ist jedoch während der Geschichte von Wallace auch nicht möglich, ausser in der interaktiven Dokumentation THE DEEPER THEY BURY ME, wobei der User immer noch im geformten Rahmen der illustrierten Welt von Wallace verweilt. Recherchiert der User aber selbstständig weiter, findet er heraus, dass es Möglichkeiten gibt, direkt mit der Künstlerin Jackie Sumell | | und dem Projekt Herman’s House |  | via Twitter in Kontakt zu treten und sich aktiv an der politischen Bewegung Free Angola zu beteiligen, um gegen isolierte Einzelhaft von politischen Gefangen anzukämpfen, wie es auch Herman Wallace tat. Zusätzlich gibt es für den User eine Möglichkeit sich an der Verwirklichung des Hauses von Wallace durch Spenden zu beteiligen.

GESCHICHTE ERLEBT

Bei der Geschichte um Herman Wallace handelt es sich um ein transmediales Projekt, da die verschiedenen Ebenen mit dem zusätzlichen Erfahrungswert, wie in den Definitionen von Jenkins und Eick formuliert, berücksichtigt werden. Gewisse Punkte mögen aber mit der Definition von beiden Personen kollidieren, wie zum Beispiel, dass nie von einer Non-Fiktion Geschichte die Rede ist. Gerade, weil die Geschichte um Herman Wallace keine Fiktion, sondern der Realität entspricht, würde ich diese transmediale Erzählungsweise auch als transmedialen Aktivismus bezeichnen, womit nicht nur das Erleben des Teilnehmers und dessen Geschichte im Zentrum stehen, sondern auch der Wille, neue Leute für die Aufdeckung gewisser Verhältnisse (die eigene Sache) zu aktivieren und zu sensibilisieren.

Zum Schluss lässt sich noch die Frage stellen, wer überhaupt transmediale Geschichten erzählt. Kann eine ganze Welt, die auf verschiedenen Ebenen basiert, mit verschiedenen Charakteren und Medien spielt, von nur einer Person entworfen werden? Es kann, ist aber eher eine Seltenheit. Im Normalfall ist sogar das genaue Gegenteil der Fall. Viele Personen sind am Entwurf der transmedialen Welt beteiligt. Der kreative Schöpfer einer transmedialen Geschichte, ist dabei allerdings meistens eine einzige Person, laut Eick.| Eick S 215 |

Über die Autorenschaft erwähnt Henkins hingegen nichts in seinem Blogpost aus dem Jahr 2011, der eine upgedatete Version seines Blogpost 2007 darstellt. Wahrscheinlich auch, weil der Punkt Autor für ihn eher redundant ist. Die Autoren der Ausstellung
(Jackie Sumell), des Films (Angad Bhalla), sowie der interaktiven Dokumentation
(Angad Bhalla und Ted Biggs) unterscheiden sich auch bei der Geschichte von Wallace. Interessanterweise ist im Blogpost 2011 auch zu lesen, dass Henry Jenkins eine zu enge Definition vermeiden möchte, im Hinblick auf die Kreativität und die Möglichkeiten, die eine Geschichte bieten kann, die transmedial erzählt wird.

There is no transmedia formula. Transmedia refers to a set of choices made about the best approach to tell a particular story to a particular audience in a particular context depending on the particular resources available to particular producers. The more we expand the definition, the richer the range of options available to us can be. It doesn’t mean we expand transmedia to the point that anything and everything counts, but it means we need a definition sophisticated enough to deal with a range of very different examples. | Jenkins 2011 |

_____________

[1] der passive Zuschauer entwickelt sich im transmedialen Erzählen zum aktiven Teilnehmer.  | Eick S 183-184 |

[2] Intertextualität bezeichnet die Beziehung(en), die Texte untereinander haben. Traditionell werden darunter erkennbare Verweise auf ältere, ebenfalls literarische Texte gefasst. | Nünning 2013 |

[3] Mulitmodalität bedeutet die gleichzeitige Nutzung verschiedener Sinnesebenen.  z.B. in einem Strassenschild werden die Ebenen Schrift, Bild und Farbe kombiniert, um Informationen zu übertragen.  | Kress S 12 |

_____________
QUELLEN
LITERATUR
 Eick, D. (2014). Digitales Erzählen - Die Dramaturgie der Neuen Medien (Bd. 81). Konstanz und München, Deutschland: UVK Verlagsgesellschaft mbH.
 Sumell, J. (2006). The House That Herman Built. Deutschland: Verlagsgesellschaft Ulm.
 Kress, G. (2010). Multimodality - A social semiotic approach to contemporary communication. New York, USA: Routledge .
 Nünning, A. (2013). Metzler Lexikon - Literatur- und Kulturtheorie (Vol. 5). Stuttgart, Deutschland: J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH.
BLOG
 http://henryjenkins.org/2007/03/transmedia_storytelling_101.html | abgerufen 03.01.16 |
 http://henryjenkins.org/2011/08/defining_transmedia_further_re.html | abgerufen 03.01.16 |
WEBSEITEN
 Democracy now. (17. April 2015). Abgerufen am 11. Januar 2016 von http://www.democracynow.org/2015/4/17/watch_art_exhibit_recreates_tiny_cell
 Angad Singh Bhalla, T. B. (2014). They Deeper They Bury Me - A Call From Herman Wallace. (A. Lee, Produzent, & A National Film Board of Canada Production) Abgerufen am Dezember 2015 von http://acallfromherman.nfb.ca/#/intro
 King, R. (kein Datum). International Coalition to Free the Angola 3. Abgerufen am Dezember 2015 von http://angola3.org/the-case/
Sumell, J. (kein Datum). Herman's House. Abgerufen am Dezember 2015 von Herman's House: http://hermanshouse.org
VIDEOS
 https://www.youtube.com/watch?v=XVFVHhWAESQ | abgerufen 29.12.15
 https://www.youtube.com/watch?v=Gjd1smWtf7k | abgerufen 29.12.15
FILM
 Angad Singh Bhalla, L. V.-S. (Produzent), Bhalla, A. S. (Autor), & Angad Singh Bhalla, L. V.-S. (Regisseur). (2012). Herman's House [Kinofilm]. USA: First Run Features.
BILDER
 http://goo.gl/AutTNq
 http://goo.gl/b9Zwu0
 http://goo.gl/aasIW4
 http://goo.gl/XuOqPw
 http://goo.gl/2SEdSQ
iTunes Filmcover Herman's House (2012)
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s