Mercedes Bunz, digitale Pionierin

Ihr Werdegang und Ihre Gedanken zur Digitalisierung des Journalismus

Die Pionierversuche des digitalen Journalismus starteten bereits Ende der 90er Jahre. Nach der schweren Krise anfangs der 2000er Jahre, gab es ab ca. 2008 auch mit dem vermehrten aufkommen von Blogs und sozialen Medien weitere essenzielle Weiterentwicklungen. Wahrscheinlich dauert diese Phase der digitalen technologischen Verbesserungen noch heute und auch darüber hinaus an.
Eine der entscheidenden Personen, welche die Digitalisierung von Anfang an journalistisch aber auch wissenschaftlich begleitete, war die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mercedes Bunz. Im folgenden Artikel werden ihr Werdegang und einige Ihrer Gedanken zu den neusten Technologien erläutert.

Mercedes Bunz, Digitale Visionärin
Dr. Mercedes Bunz wurde im September 2014 von der Gesellschaft für Informatik (GI) ausgezeichnet. Sie gehörte zu den 39 Frauen und Männern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, die mit ihren Ideen und Projekten die digitale Entwicklung in Deutschland massgeblich vorantreiben.

[…] Deutschlands digitale Köpfe zeichnet Menschen aus, die die digitale Zukunft unseres Landes prägen. Sie beweisen, dass digitale Exzellenz in Deutschland Zukunft hat, beschreibt Stefan Müller, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Initiative. Die Jury sieht Bunz als «Digitale Visionärin», die die Entwicklung des Online-Journalismus vorantreibt und lobt ihre Schriften, in denen die Wissenschaftlerin zeigt, wie die Digitalisierung das Denken und die Gesellschaft verändert. […]1

Zu dem Zeitpunkt war Mercedes Bunz Leiterin des «Hybrid Publishing Lab» des Innovations-Inkubators am Centre for Digital Cultures der Leuphana (Universität Lüneburg). Dort hat sie sich dem Erforschen von neuen Formen der digitalen Publikation und Kommunikation für Geistes- und Kulturwissenschaften gewidmet, Dazu gehören wissenschaftlichen Blogs, Videoaufnahmen von Symposien und Universitäts-Repositorien.
Ihr Team befasste sich unter anderem auch mit «open access» Forschungsdatenbanken, also öffentlich und z.B. auch für Nichtakademiker einsehbare und vor allem auf Kollaboration ausgerichtete Datenbanken.
Das «Hybrid Publishing Lab» forscht seit dem 31. Juli 2015 nicht mehr, aber der auch von Mercedes Bunz und weiteren «Hybrid Publishing Lab Mitgliedern» aufgebaute experimentelle Wissenschaftsverlag meson press existiert und veröffentlicht weiterhin Publikationen, die ausschliesslich digitale Kulturen und innovative Technologien und deren Analyse behandeln.

Mercedes Bunz’ Biografie und Werdegang
Nach dem Abitur am Celtis-Gymnasium in Schweinfurt im Jahr 1991 studierte Bunz Philosophie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Sie gründete mit Sascha Kösch, Riley Reinhold und Benjamin Weiss 1997 die Berliner Musik- und Kulturzeitschrift De:Bug und war 1999 bis 2001 Mitherausgeberin und Chefredakteurin. Im Jahr 2005 wurde sie an der Bauhaus-Universität Weimar bei Joseph Vogl nach erfolgreicher Verteidigung einer Arbeit über die Geschichte des Internets von den 1950er bis in die 1980er Jahre zur Dr. phil. promoviert. Sie arbeitete nachdem eine Zeit lang als freie Journalistin und erhielt 2006 eine Post-Doktorandenstelle als Lehrbeauftragte an der Universität Bielefeld. Im selben Jahr wurde Mercedes Bunz Chefredakteurin der Berliner Stadtillustrierten Zitty, bevor sie im Jahr 2007 die Leitung der Online-Redaktion des Tagesspiegel übernahm. Von 2009 bis 2011 berichtete sie im britischen Guardian im Ressort Medien und Technik über die Entwicklung des Online-Journalismus und der sozialen Netzwerke und war für die Online-Magazine Telepolis und Carta tätig. Sie lebt in London, schreibt über digitale Medien und die Philosophie der Technologie und unterrichtet seit 2014 Journalismus und digitale Medien an der University of Westminster.
Im Jahr 2012 erschien Mercdes Bunz’ zweites Buch «Die stille Revolution, Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen». Es beschreibt und analysiert im besonderen, welche Veränderungen die Digitalisierung in der Allgemeinheit bewirkte und stellt die These auf, dass die Folgen, der verbreiteter angewendeten digitalen Algorithmen, mit denjenigen der Industrialisierung vergleichbar sind. Wie damals Maschinen in Fabriken zum Einsatz kamen, übernehmen heute Algorithmen die eher mühseligen Routine-Arbeiten. Journalisten, welche früher nach festgelegten Regeln und Suchverfahren, Datenbanken, Archive und Protokolle durchforschten, können diese Arbeiten heute technologischen Helfern delegieren. Währenddessen können Menschen neue Ideen entwickeln sowie die Regeln verfeinern, nach denen diese Algorithmen funktionieren.

Der Einfluss der Algorithmen und der digitalen Öffentlichkeit auf den Journalismus
[…] Algorithmen – Handlungsvorschriften die nach einem bestimmten Schema Zeichen umformen […]2 – sind eine neue Kulturtechnik, welche unsere Gesellschaft aber auch den Journalismus zum Beispiel. massiv umformten.
Im Buch «Die stille Revolution» von Mercedes Bunz werden sie aber nicht streng nach ihrer informatorischen Bedeutung, sondern vielmehr in einem weiteren Sinne verstanden. Sie sind das Prinzip, das der Digitalisierung zugrunde liegt: digitale Geräte, Internet-Protokolle und Softwareanwendungen, Datenbanken, Suchmaschinen wie auch Tags.3
Für den Journalismus tun sich, gestützt auf den neuen Technologien, Möglichkeiten, Chancen aber auch Risiken auf.
Grundsätzlich unterscheidet Mercedes Bunz zwischen journalistischer und der digitalen Öffentlichkeit».

[…] «Journalismus ist grundsätzlich auf das Ereignis ausgerichtet, das entweder als Neuigkeit oder als Jahrestag auftreten kann. Alles, was nicht in diese Kategorie passt, hat es im Journalismus schwer, Aufmerksamkeit zu erheischen.» Während journalistische Öffentlichkeit gesellschaftskritischem Anspruch für alle zugänglich und zugleich auch für alle relevant sein muss, sind die Beiträge der digitalen Öffentlichkeit dagegen oft rein private Äusserungen; online zwar für alle zugänglich, aber nicht für alle relevant.4 […]

Deshalb ist im Endergebnis die digitale Öffentlichkeit thematisch weitaus breiter gefächert und bleibt auch länger an den Themen dran, weil sie ein stärkeres Interesse daran haben als die journalistische Öffentlichkeit. Wie z. B. auch auf Twitter, wenn nach der Veröffentlichung von Filmen oder noch mehr bei Staffeln beliebter Serien weiterhin darüber berichtet und sehr persönlich analysiert wird. Die Identifizierung und Verbindung der Fans und Follower mit den Geschichtswelten und deren Figuren ist meist stärker ausgebildet als bei z.B. allgemeinen Film- und Fernsehkritik-Journalisten.
Nehmen nun also Algorithmen zusammen mit der neuen digitalen Öffentlichkeit den Journalisten die Arbeit ab? Oder haben sie ihm neue Aufgaben gegeben? Mercedes Bunz ist der Meinung, dass der Journalismus genau von dieser zweiten, kontinuierlich vor sich hinarbeitenden Öffentlichkeit profitieren kann.

Die Aufgabe des Journalismus, investigativ und kritisch zu recherchieren, hat sich gewandelt. Immer noch gilt es, gesellschaftliche Wahrheiten ans mediale Tageslicht zu bringen. Neben der klassischen, kleinteiligen Detektivarbeit – dem Sprechen mit Betroffenen, dem Überprüfen von Hinweisen – gilt es heute jedoch auch, die übrige, digitale Informationslandschaft ernst zu nehmen. Auch hier muss man Hinweisen nachgehen und kommunizieren, man tut das allerdings im digitalen Raum: Journalismus hat begonnen, die klassische Arbeit um neuere Ansätze wie «offenen Journalismus» oder «Datenjournalismus» zu ergänzen.5

republica_Bunz
Mercedes Bunz im Interview und eine Diskussion über Algorithmen-Ethik an der re:publica 2013

 

Datenjournalismus und der offene Zugriff
Was einst als Journalismus galt, hat im Zuge der Digitalisierung seine Ränder verschoben. Mit Kollaborationen wie z.B. Wikipedia oder speziell auch Wikileaks geschehen journalistische Tätigkeiten mittlerweile auch ausserhalb des Journalismus.

«Eine Zersplitterung der vierten Gewalt.»6

hat Alan Rusbridger, der Chefredakteur des britischen Guardian, diese Entwicklung bezeichnet.

Er beobachtet diese Veränderung mit Skepsis, hält es jedoch für seine Aufgabe, sie zu begleiten – auch um der Wahrheit willen.7

Datenjournalismus ist deshalb interessant, weil er bereits nicht mehr nur von Journalisten betrieben wird – sondern gemeinsam mit den Nutzern und Communities. Der offene Zugriff auf diese Dokumente online ist für den Journalismus eine Möglichkeit der Bewältigung und Arbeitsteilung. Z.B. wenn schriftliche Dokumente und andere digitale «Datenberge» so umfangreich sind, dass sie ein einzelner Mensch gar nicht überprüfen oder analysieren kann. Aber wie spielt sich die Bewältigung solcher Datenmengen in der Praxis genau ab?
Laut Mercedes Bunz’ Analyse im Artikel das offene Geheimnis im Buch Wikileaks und die Folgen brauchst es folgende fünf Arbeitsschritte, die oft ineinander übergreifen, um aus diesen «Datenbergen» Journalismus zu machen, der für digitale Plattformen, welche über offenen Zugriff (d. h. alle Nutzer haben Zugriff auf die Dateien) funktionieren, optimiert ist:

[…] Erstens erfüllen die Daten erst dann journalistische Kriterien, wenn aus ihnen eine Erkenntnis, die von öffentlichem Interesse ist, gezogen wird. Es muss zweitens kritisch überprüft werden, dass die Quellen zuverlässig und das Material authentisch ist. Drittens kann es der Übersichtlichkeit dienen, wenn das Material sauber sortiert wird, so lässt es sich leichter ermitteln, ob abweichende Daten, wie z.B. illegale Spesenabrechnungen, mit dabei sind. Oft werden die Ergebnisse des Datenjournalismus viertens als Visualisierung veröffentlicht, dies kann statisch oder auch für zusätzlichen Überblick in  einer animierten Form sein. Fünftens kann auch die partielle oder auch vollständige Veröffentlichung der Ausgangsdaten erfolgen. Sie leiten den User an, selbst Fragen zu stellen und bezieht sie so mit ein. Diese besonders transparente Herangehensweise wird  beispielsweise oft vom Guardian gewählt, und die verschiedenen aufschlussreichen Applikationen und Visualisierungen, welche Nutzer selbst aus den beim Guardian herunterladbaren Daten der «Afghan War Logs» erstellt haben, geben ihm recht. […]8

Datenjournalismus ist also vor allem auch die Verarbeitung von Informationen und könnte somit auch Gefahr laufen, wegen Kosteneinsparungen gänzlich automatisiert zu werden. Das Thema Einsparung durch weiterentwickelte Automatisierung ist fast nicht mehr aus der Medienlandschaft Wegzudenken, dieser Tenor war auch immer wieder an den Münchner Medientagen anzutreffen. Die Verantwortung für diese Entwicklung kann aber nicht der Technologie zugewiesen werden, sondern, eher den jeweiligen Unternehmern. Sowohl diesen, welche die Technologie gegen ihre Mitarbeiter einsetzen, als auch denen, die sich weigern mit den technologischen Fortschritten mitzugehen.

Treffend drückte es Daniel Steil, Chefredakteur von Focus Online aus, der meinte:«Wenn der Wind weht, soll man lieber Windmühlen anstatt Mauern bauen.»

Das Ziel sollte also der möglichst kreative Umgang mit den neu zur Verfügung stehenden Tools sein, sie sollen ausprobiert werden dürfen, um die menschlichen Fähigkeiten zu unterstützen und zu verbessern, nicht aber um sie zu ersetzen.

[…] Algorithmen werden auch in Zukunft in eingespielten Arbeitsteilungen zum Zuge kommen, helfend, störend, blitzschnell und definitiv. […]9

Und trotzdem ist es zu oberflächlich betrachtet, wenn es erscheint, als hätten mit Plattformen wie etwa Google News oder auch Facebook Instant Articles Algorithmen die klassischen Aufgaben des Journalisten übernommen.

[…] Im Grunde hat die Digitalisierung dem Journalismus einen neuen Aufgabenbereich hinzugefügt. Es braucht weiterhin die Instanz, welche die digitale Öffentlichkeit […] und die damit verbundenen Datenberge und Algorithmen […] mit objektiver Distanz und Fachkenntnis beobachten kann. Und im Falle von Ungereihmtheiten die Nutzer […] mittels glaubwürdigen Fakten und auf authentische Daten gestützt dann auch […] darüber auf dem Laufenden halten kann. Im Ergebnis hat sich ein neues Gleichgewicht der Kräfte entwickelt: Einerseits beobachtet der Journalismus kritisch die Fundamente und das Geschehen der digitalen Öffentlichkeit, andererseits kontrolliert und bereichert diese aber auch den Journalismus. […]10

Quellen

  1. http://www.leuphana.de/news/meldungen/ansicht/datum/2014/07/04/dr-mercedes-bunz-zaehlt-zu-deutschlands-digitalen-koepfen.html
    Abgerufen am 05. Dezember 2015
  2. Die stille Revolution: Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen, Mercedes Bunz, 2012
  3.  Die stille Revolution: Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen, Mercedes Bunz, 2012
  4. Grenzenlose Enthüllungen?: Medien zwischen Öffnung und Schliessung, S. 165
    · Die fünfte Gewalt: Über digitale Öffentlichkeit und die Neuausrichtung von Journalismus und Politik, Mercedes Bunz, 2012
  5.  Grenzenlose Enthüllungen?: Medien zwischen Öffnung und Schliessung, S. 16
    · Die fünfte Gewalt: Über digitale Öffentlichkeit und die Neuausrichtung von Journalismus und Politik, Mercedes Bunz, 2012
  6. The splintering of the fourth estate: Media organisations are trying various routes to the future, Alan Rubsbridger, 2010
  7. Wikileaks und die Folgen: Netz, Medien, Politik · Das offene Geheimnis: Zur Politik der Wahrheit im Datenjournalismus, Mercedes Bunz, 2011
  8. Wikileaks und die Folgen: Netz, Medien, Politk · Das offene Geheimnis: Zur Politik der Wahrheit im Datenjournalismus, Mercedes Bunz, 2011
  9. Wikileaks und die Folgen: Netz, Medien, Politk · Das offene Geheimnis: Zur Politik der Wahrheit im Datenjournalismus, Mercedes Bunz, 2011
  10. Grenzenlose Enthüllungen?: Medien zwischen Öffnung und Schliessung, S. 165
    · Die fünfte Gewalt: Über digitale Öffentlichkeit und die Neuausrichtung von Journalismus und Politik, Mercedes Bunz, 2012

Video und Interview:

Literaturverzeichnis

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